


Hätte mich damals zu dem Zeitpunkt, als diese Fotos entstanden sind, jemand gefragt, ob ich denn mal Lust hätte Menschen zu fotografieren, wäre meine Antwort gewesen: „Ja …“ um dann noch etwas kleinlaut hinzuzufügen: „das brauche ich gar nicht erst probieren, mit mir würde eh keiner zusammenarbeiten wollen.“ Diese Fotos oben sind im Frühling 2024 entstanden. Zu diesem Zeitpunkt war ich in meinem täglichen Kampf gegen meine Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPS) an einem toten Punkt angekommen. In den Jahren davor hatte ich mir immer mehr so etwas wie ein normales Leben aufgebaut. Familie, ein paar wenige Freunde, eigentlich nur ein Freund, und ein funktionierendes Arbeitsleben. Aber wirklich nach außen gehen konnte ich bis dahin immer noch nicht. Kontakte zu mir fremden Personen aufzubauen, war mir quasi unmöglich. Viele alltägliche Aufgaben, so z.B. telefonieren mit Fremden, habe ich an meine Frau abgeben müssen. Diesen Zustand wollte ich aber nicht mehr akzeptieren. Ich begann, nach Wegen zu suchen, dieses Problem anzugehen. Meine Idee war, dass mein Hobby, die Fotografie, mir da helfen soll. Warum nicht den Selbstversuch starten, mich dem Bereich der Fotografie zuzuwenden, den ich schon immer ausprobieren wollte. Menschen fotografieren, und damit auch auf diese zugehen zu müssen. Meine Tochter zu fotografieren, zählte für dieses Projekt jedoch nicht. (Diese Aufnahmen stammen sogar schon aus 2022.)



In den folgenden zwei Jahren widmete ich mich weiter der Fotografie – Landschaften, Architektur, Details. Alles Motive, die keine Interaktion mit fremden Menschen erforderten. Doch der Wunsch, Menschen zu fotografieren, blieb. Ich wollte mich aber bewusst in die Situation bringen, Menschen ansprechen zu müssen. Im Juli 2024 ergab sich dann endlich eine Gelegenheit. Natürlich reichte mein Selbstvertrauen allein nicht aus, das Projekt zu starten. Meine Frau hat mich in die richtige Richtung geschubst, in dem sie eine Arbeitskollegin mit ins Boot holte, die dann mein Model für mein erstes richtiges Shooting wurde. Die Ergebnisse waren, ich sage mal, durchwachsen. Wirklich zufrieden war ich nicht.



Dann ging es aber Schlag auf Schlag, wie die folgenden Bilder zeigen …




Mit jedem Shooting habe ich mein Handwerk verbessert. Meine kreative Seite verfeinert. Eigentlich hätte ich zufrieden sein können, aber meine dunkle Seite in mir hatte da durchaus noch den ein oder anderen Fallstrick parat. Ich hatte zwar in regelmäßigen Abständen Shootings, konnte sogar erste Erfahrungen sammeln im Bereich der Aktfotografie, aber im Mai 2025 eskalierte es wieder. Es stand ein Shooting mit Sandy in Potsdam an. Es war unser erstes gemeinsames Shooting. Ein Sonntag war es und wir hatten uns erst zum späten Nachmittag verabredet. Schon den ganzen Tag versuchte ich Argumente zu finden, das Shooting abzusagen. Zum Schluss war ich kurz davor alles hinzuwerfen und ohne ein Wort zu Sandy, nicht nach Potsdam zu fahren. Ich redete mir ein, dass ich das eh nicht hinbekomme und alles, was ich bisher geschaffen habe, nichts wert ist. Wieder hat mir meine Frau den richtigen Weg gewiesen und mir unmissverständlich klargemacht, dass ich ein Feigling wäre, wenn ich einfach so nicht erscheinen würde. Was soll ich sagen, ich habe auf meine Frau gehört und bin zum Shooting gefahren. Wenn ich mir heute die Fotos aus diesem Shooting anschaue, bin ich immer noch zutiefst gerührt über die Fotos, die wir beide dort geschaffen haben.

Was will ich nun eigentlich mit diesem Text sagen … vielleicht, dass es sich doch öfter als man glaubt, lohnt seine Grenzen immer wieder hinauszuschieben und sich damit neue Bereiche in seinem Leben zu erkämpfen. Mir hat dieser Kampf vor allem das Selbstvertrauen gegeben, dass ich wohl doch nicht so ein schlechter Kerl sein kann, wenn Menschen sich vor meine Kamera begeben und sich von mir portraitieren lassen. Die Ergebnisse könnt ihr auf meiner Seite betrachten. Die Auseinandersetzung mit meiner Erkrankung wird aber immer in meinem Leben präsent sein. Gerade in diesem Moment, wo ich diesen Text schreibe, ist sie wieder sehr aktuell und lässt mich an allem in meinem Leben zweifeln. Aber auch diese Phase kann ich überwinden … und ich werde weiter Menschen fotografieren. Bald starte ich das nächste Kapitel in meinem Projekt „Ich lebe mein Leben, so wie ich will und meine Erkrankung kann mich mal!“ Seid gespannt auf die Ergebnisse in der kommenden Zeit.


