Selbstzensur in der Fotografie – oder vorauseilender Gehorsam
Selbstzensur in der Fotografie – oder vorauseilender Gehorsam

Selbstzensur in der Fotografie – oder vorauseilender Gehorsam

Ich beschäftige mich nun seit ca. 1½ Jahren mit der Fotografie von Menschen. Mein künstlerischer Schwerpunkt liegt dabei auf der Portraitfotografie. Aktfotografie hat für mich zunächst nur eine untergeordnete Rolle gespielt. Für mich ist dieser Bereich in der Fotografie sehr sensibel und bedarf einer gekonnten Herangehensweise, um nicht in den Kitsch oder gar in die Pornografie abzugleiten. Das war etwas, was ich mir am Anfang meiner Portraitfotografie nicht zugetraut habe. Ich wollte zunächst lernen, mit den Menschen vor meiner Kamera authentisch, achtsam und respektvoll umzugehen. Im vergangenen Jahr habe ich dann bewusst die Entscheidung getroffen, mich in der Aktfotografie auszuprobieren. Die Ergebnisse dieser Shootings könnt ihr hier in meinem Blog betrachten. Relativ schnell habe ich aber gemerkt, dass mit der Fotografie des mehr oder weniger bekleideten Menschen ganz andere Fragen in den Vordergrund gerückt sind. Fragen, die mir nun durch den Kopf gingen, waren: „Wo kann ich meine Arbeiten eigentlich zeigen, vorzugsweise unzensiert?“ Und wenn ich sie auf Plattformen wie z.B. Instagram zeigen möchte, wo die Darstellung des unbekleideten (weiblichen) Körpers nicht erwünscht ist, entschließe ich mich doch zu einer gewissen Art der Zensur, oder fotografiere ich zukünftig Instagram konform? Diese Fragen konnte ich mir sehr schnell beantworten. Das Zeigen meiner Aktfotos in zensierter Form auf Instagram, oder auch auf anderen Plattformen, kommt für mich nicht in Frage. Mit meinen Fotos möchte ich etwas aussagen, und das zerstöre ich mit der Zensur. Ich habe mich entschlossen, diese Fotos vorrangig auf meiner eigenen Internetseite zu zeigen. Ganz nach dem Motto: „Mein Haus, meine Regeln!“.

Im Grunde genommen übe ich aber eine Form der Selbstzensur, wenn ich bestimmte Arbeiten auf bestimmten Plattformen nicht zeige. Diesen Kompromiss gehe ich widerwillig ein, da Instagram für mich durchaus einen Mehrwert hat, den ich nutzen möchte. Vor allem die Vernetzung mit anderen Kreativen, Models und Fotografen, ist mir wichtig. Die Möglichkeit einer würdigen Präsentation meiner Fotos sehe ich jedoch nur auf meiner Internetseite.

In der intensiven Auseinandersetzung mit der Frage von Zensur meiner Fotos ist aber auch noch ein Phänomen aufgetaucht, das mir so in der Form bis dahin noch nicht bewusst war. Es geht um die verordnete Selbstzensur bei der Präsentation von Fotos aus dem Bereich der Aktfotografie durch den Fotografen selbst. Dieses Phänomen stellte sich bei eingehender Recherche als tiefgehender heraus, als ich vorher vermutet habe. Im Folgenden möchte ich drei Ebenen dieser Selbstzensur betrachten:

  1. Zensur der Fotos auf Wunsch des Models … Hier ist die Intention zur Zensur klar erkennbar. Der Wunsch der Person, die mit ihr geschaffenen Aktfotos zu zensieren, bedarf keiner Diskussion und ist zu respektieren. Aus meiner Sicht würde ich mit ihr in Kommunikation treten und gemeinsam versuchen herauszufinden, ob die Fotos überhaupt gezeigt werden sollten. Möglicherweise gibt es andere, genauso sehenswerte Fotos aus dem Shooting, die bedenkenlos präsentiert werden können. Ich sehe die Ergebnisse eines Shootings als ein Gesamtwerk zweier Menschen an, und nicht als reine egoistische Visualisierung meiner Ideen.
  2. Zensur der Fotos durch den Fotografen … Hier sehe ich mehrere Aspekte, die betrachtet werden müssen. Ein Aspekt ergibt sich, wenn die Plattform klare Regeln diesbezüglich hat. Am Beispiel von Instagram ist da kein Spielraum möglich. Eine Darstellung des unbekleideten Körpers, insbesondere des weiblichen Körpers, ist nicht erwünscht. Die Darstellung des männlichen Körpers in unbekleideter Form ist dagegen fast vollständig möglich. Zum Beispiel die männliche Brust … „Klar her damit, können wir zeigen“, weil ihr nur eine sehr geringe sexualisierende Komponente zugesprochen wird. Die weibliche Brust … „Um Gottes willen, Ketzerei“, hier wird der weiblichen Brust eine sehr starke sexualisierende Komponente angedichtet. Ein kleines Gedankenexperiment mal dazu: Ich zeige ein Foto einer unbekleideten Frau. Der Anschnitt ist so gewählt, dass die Person bis knapp unterhalb der Brust gezeigt wird und es eine klare künstlerische Ausrichtung mit schon fast dokumentarischer Sichtweise hat. Das Foto wird nicht lange Bestand auf Instagram haben. Weil hier die Regel bezüglich der „Darstellung von Nacktheit“ verletzt wird. Das gleiche Foto, nur jetzt wird ein Mann gezeigt. Das Foto ist „sicher“ und verletzt keine Regeln der Plattform. Nur jetzt gibt es da eine Kleinigkeit, die in der Beschreibung des Fotos steht … die Person auf dem Foto ist zwar biologisch ein Mann, aber die Geschlechtsidentität ist weiblich. Wie wird Instagram nun seine eigenen Regeln umsetzen, ohne in die Bedrängnis zu kommen? Eine Frage, die ihr euch mal durch den Kopf gehen lassen könnt.

Aber jetzt wieder zurück zur Ausgangsproblematik. Die Entscheidung eines Fotografen, ein Aktfoto zu zensieren, damit es auf einer Plattform wie Instagram regelkonform ist, respektiere ich natürlich, auch wenn es nicht meine Herangehensweise ist.

Damit ergibt sich nämlich noch eine ganz spezielle – und für mich problematische – Ebene.

  1. Zensur der Fotos durch den Fotografen, obwohl keine Notwendigkeit besteht … Hier wird das Thema für mich sehr problematisch und ich kann die Entscheidung dieser Fotografen zur Selbstzensur ihrer Fotos kaum nachvollziehen. Wenn ich mir den Entstehungsprozess eines Aktfotos näher anschaue, läuft das für mich in etwa so ab: Ich möchte ein Aktshooting durchführen. Wichtig ist hier der Teil des Satzes: „Ich möchte …“ Das heißt, ich identifiziere mich mit diesem Genre der Fotografie und möchte aktiv darin arbeiten. Dann suche ich einen Menschen, der sich mit meiner künstlerischen Idee identifizieren kann und bereit ist, sich mehr oder weniger nackt vor meine Kamera zu stellen. Auch hier wieder der Teil des Satzes: „der … bereit ist …“. Nun sind diese Fotos im Rahmen des Shootings entstanden, beide Beteiligten sind zufrieden mit ihrem Anteil an dem Projekt, und es geht in die Phase der Präsentation. Die Wahl der Plattform ist getroffen, die Regeln dieser Plattform erlauben die künstlerische Darstellung des unbekleideten Körpers, und nun werden die Fotos dort präsentiert. Jetzt komme ich als Betrachter auf diese Plattform, mit der Erwartung, künstlerische Aktfotos betrachten zu dürfen, und sehe nun durch Selbstzensur zerstörte Fotos. Und an der Stelle fängt mein Unverständnis an. Natürlich kann ich mir mögliche Gründe vorstellen: die Angst vor negativen Reaktionen im beruflichen oder privaten Umfeld, Rücksicht auf Familie oder Arbeitgeber, vielleicht auch die Sorge um die Reputation des Models. Und ja, es gibt auch handfeste kommerzielle Gründe: Fotografen zensieren ihre Arbeiten bewusst, um Betrachter auf Bezahlplattformen zu locken, wo die unzensierten Versionen gegen Geld zugänglich sind. Ein weiterer Aspekt ist die freiwillige Selbstzensur auf Plattformen wie YouTube, wo oft behauptet wird, diese würde bestimmte Inhalte nicht zulassen. Doch das ist nicht korrekt – YouTube erlaubt durchaus die Darstellung von Aktfotografie in BTS-Videos, allerdings müssen diese dann hinter dem Jugendschutz versteckt werden und dürfen nicht monetarisiert werden. Ein Schelm, der Böses dabei denkt … Aber wenn diese Bedenken – seien sie privater oder kommerzieller Natur – bereits im Vorfeld bestehen, stellt sich mir die grundsätzliche Frage: Warum dann überhaupt den Weg in die Aktfotografie gehen? Warum bewusst Arbeiten schaffen, die man dann aus vorauseilendem Gehorsam oder finanziellen Interessen selbst verstümmelt? Hier sehe ich nur vorauseilenden Gehorsam und damit die schrittweise Dekonstruktion der Kunst. Nicht Rahmenbedingungen politischer oder gesellschaftlicher Natur, nein, der Künstler selbst demontiert hier.

Mein Fazit: Ich sehe es als meine bewusste Entscheidung an, meine Arbeiten in der Aktfotografie nicht zu zensieren. Es ist für mich eine Frage künstlerischer Selbstbestimmung, Selbstzensur abzulehnen. Dafür nutze ich Plattformen, die mir diese Freiheit ermöglichen.

Ich appelliere an alle Künstler: Habt Mut zu euren eigenen Visionen, verteidigt die Integrität eurer Arbeiten und vertraut euren Models. Wenn wir als Künstler unsere eigenen Werke zensieren, wo andere es nicht verlangen, geben wir ein Stück künstlerische Freiheit auf, bevor überhaupt jemand danach gefragt hat.

Mich würde interessieren, wie ihr das seht. Wie geht ihr, wenn ihr selbst Aktfotografie betreibt, mit der Frage von Zensur um? Könnt ihr Zensur in gewissen Grenzen akzeptieren? Wo zieht ihr eure persönliche Grenze?

Ich wünsche mir, dass es auch zukünftig möglich ist, Kunst zu präsentieren, ohne Angst haben zu müssen, dass meine Arbeiten zensiert werden. Dafür braucht es Räume und Plattformen, die künstlerische Freiheit nicht nur dulden, sondern aktiv verteidigen. Und es braucht Künstler, die bereit sind, für diese Freiheit einzustehen.


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