Anaïs Nin und weitere sinnliche Momente …
Anaïs Nin und weitere sinnliche Momente …

Anaïs Nin und weitere sinnliche Momente …

Model: Nadine

Location: Loft.Studio39


Nadine ...

POSTSKRlPTUM

Damals, als wir alle Erotika für einen Dollar die Seite verfaßten, war es mir klargeworden, daß wir jahrhundertelang nur ein einziges Vorbild für dieses literarische Genre gehabt hatten: Die Schriften der Männer. Schon damals fiel mir der Unterschied zwischen männlicher und weiblicher Sexualität auf. Ich hatte erkannt, daß es wesentliche Gegensätze gab zwischen der Ausdrücklichkeit eines Henry Miller und meinen Verschleierungen – zwischen seiner derb-komischen Sicht des Sexus und meinen eher lyrischen Schilderungen erotischer Beziehungen in den unveröffentlichten Passagen des Tagebuches, in dessen dritten Band ich andeutete, Pandoras Büchse enthielte eigentlich die Rätsel weiblicher Sexualität, die so anders war als die männliche und für welche die Sprache des Mannes nicht ausreichte. Frauen, meinte ich, neigten dazu, Geschlechtlichkeit mit Gefühl, mit Liebe zu verschmelzen und sich lieber einen einzigen Mann auszusuchen, als häufig den Partner zu wechseln. Dies wurde mir, während ich die Romane und das Tagebuch verfaßte, klar und wurde noch deutlicher, als ich mit dem Unterricht begann. Obwohl die Einstellung der Frauen dem Sex gegenüber ganz anders als die der Männer war, hatten wir es noch nicht gelernt, darüber zu schreiben.

Diese Erotika, die ich ja nur als Unterhaltung und auf Bestellung verfaßte, unter dem Druck eines Auftraggebers, der mir aufgetragen hatte, »die Poesie wegzulassen«, schrieb ich unter dem Eindruck einer von Männern verfaßten Literatur. Deshalb glaubte ich immer, ich hätte die weibliche Sache verraten. Aber wenn ich nun diese, vor so langer Zeit verfaßten Texte wieder lese, merke ich, daß meine eigene Stimme nicht ganz unterdrückt war, denn in vielen Passagen sprach ich intuitiv in der Sprache der Frau und schilderte sexuelles Erleben aus weiblicher Sicht. Am Ende entschloß ich mich zu einer Veröffentlichung der Erotika, weil sie die ersten Schritte einer Frau auf ein Gebiet belegen, das bisher nur Männern überlassen war.
Sollte die unzensierte Fassung des Tagebuches je veröffentlicht werden, wird diese weibliche Sicht deutlicher werden. Sie wird zeigen, daß Frauen (wie auch ich, im Tagebuch) niemals Sexualität von Gefühl, von Liebe zum ganzen Mann getrennt haben.

Anaïs Nin
Los Angeles
September 1976









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